Schuhe3

Verdammt zum Schweigen

Schwarze Lackstiefel mit hohem Absatz, braune Schnürschuhe, weiße Boots, rote Stiefeletten. Einige glänzen in satten Farben. Die Meisten zeigen deutliche Gebrauchsspuren. Er kennt sie alle. Manche schlendern bedächtig, Andere sind in Eile. Die Wenigsten bleiben stehen.

»Abschaum.« Dunkle, glänzende Schnürer von Boss lugen unter einer Anzugshose hervor und verharren neben seinen aufgetürmten Plastiktüten.
Er schweigt, denn es rechnet sowieso keiner mit einer Reaktion. Von ihm wird erwartet, dass er stumm auf seiner Pappe sitzt und Tag für Tag die gleichen Anschuldigungen und Beleidigungen über sich ergehen lässt.
»Bemüh´dich um Arbeit.«
Er presst die Lippen fest zusammen, denn die Markenschuhe wissen nichts. Er hatte sich lange Zeit um Arbeit bemüht, aber jedes Mal verhinderten seine Alkoholfahne und seine Wohnungslosigkeit eine Anstellung. Er hatte einfach keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Einen Hoffnungsschimmer bot die Maßnahme, die ihm das Arbeitsamt vermittelt hatte. Für einen Euro sollte er die Gräber auf dem städtischen Friedhof säubern. Jeden Tag erschien er pünktlich zur Arbeit, machte unzählige Überstunden. Selbst dann noch, als er vor dem Grabstein seiner Mutter stand und hörte, wie sie weinte und jammerte unter der Erde. Deutlich Vernahm er ihre Stimme, die sich einen Weg durch die Torfklumpen bahnte. »Junge, sieh dich doch mal an. Was ist nur aus dir geworden? Du warst doch einmal so erfolgreich.«
Trotz allem hatte er sich nicht entmutigen lassen, sondern hart gearbeitet.Sogar die Pausen und den Alkohol hatte er weggelassen. Schon bald wurde er euphorisch. da er glaubte, den Wiedereinstieg in die Welt der Markenschuhe zu schaffen. Aber als die Maßnahme auslief, stellte die Friedhofsgärtnerei den nächsten »Ein-Euro-Jobber« ein, denn das rentierte sich für die Firma mehr als ihn zu übernehmen. Und er stand wieder ohne Arbeit da.

Nun schlingt er seufzend den verschlissenen Mantel enger um seinen ausgemergelten Körper und bläst seinen wärmenden Atem in die eisigen Handflächen. Ausgelatschte Motorradstiefel halten vor der Pappe. Er hört ein Geldstück in der Blechdose klirren. Ein angenehmes Geräusch. Als die Stiefel sich entfernen, huscht sein Blick zur Dose. Eine zwei Euro Münze. Vielleicht wird es ein guter Tag, denn es ist noch früh.
Vier Sneakers nähern sich. Zwei grüne und zwei rote. »Alter, haste mal Geld für den Penner?«
»Nee, denen darf man nichts geben. Sind alle Betrüger. Betteln tagsüber und steigen abends in ihren Jaguar, um in ihre Villa zu fahren.«
Er schnaubt leise, aber er schweigt. Warum sollte er sich verteidigen? Sie würden doch nur über ihn herfallen, um seinen Mund zu stopfen. Seitdem er auf der Straße lebt, hat er jedenfalls noch keinen Obdachlosen getroffen, der in Wahrheit ein getarnter Millionär ist. Stattdessen begegnen ihm täglich Gestank, Elend, Diebstahl, und manchmal fällt ein Bekannter dem Kältetod zum Opfer. Trotzdem kennt er das beliebte Gerücht, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und nur dazu dient, sich vor der Gabe von Almosen zu drücken. Er war nicht anders gewesen, als seine Schuhe noch in Ordnung waren. Nur ein paar Pflichtspenden hatte er abgeben – die fürs Finanzamt und die fürs Gewissen.
Wie lange ist das her? Drei Jahre? Oder fünf Jahre? Er weiß es nicht genau. Die Uhr auf der Straße tickt langsamer, als die der anderen Menschen.

Damals. Vor dem Unglück.
Damals schaute er noch in die Gesichter der Anderen und sonnte sich in der Bewunderung, die sie ihm entgegen brachten. Seine Eltern waren stolz auf ihren Sohn, der sein Studium mit summa cum laude bestand. Sie gratulierten ihm zur Wahl seiner Partnerin und wischten sich verstohlen die Freudentränen aus den Augen, als er ihnen seine neugeborene Tochter in die Arme legte. Nach seinem ersten Prozess, den er mit Bravour gewann, klopften die Kollegen ihm beifällig auf die Schultern. Billigend beobachteten sie seinen leichtfüßigen Aufstieg auf der Karriereleiter. Die Augen seiner Frau blitzten anerkennend beim Rundgang durch das neue, luxuriöse Haus. Bei den Geschäftsessen und Galaabenden mit seinen Klienten himmelte sie ihn an. Spitze Schreie der Begeisterung stieß sie aus, als er ihr das selbstangelegte Feuchtbiotop auf ihrem weitläufigen Grundstück präsentierte.

Damals. Vor dem Unglück.
Und dann ging es abwärts. Unaufhaltsam. Rasant. Immer schneller. Er hatte versucht, von der Fahrt ins Abseits abzuspringen, aber irgendwann war keiner mehr da, um ihn aufzufangen.
Zuerst sah er noch ihre Augen, die vor seinem Blick flohen, wenn er Entschuldigungen suchte. Dann
sah er ihre Münder, die sich verächtlich verzogen, wenn er versuchte die Sache zu erklären. Später sah er ihre Hände, die sich zu Fäusten ballten, wenn er um Vergebung bat. Schließlich die Beine, die zu Tritten ausholten, wenn er seine Sicht der Dinge erläutern wollte. Am Ende landete sein Blick bei den Schuhen, und er schwieg.

Er ballt die eisigen Hände zu Fäusten. Er will nicht, dass der Schmerz ihn überwältigt und kann doch nicht verhindern, dass sich eine Träne den Weg über seine vom Wetter gegerbte Wange bahnt.
»Mama, der Mann weint« Ein rosa Schnürstiefel mit blauen Bärchen stoppt abrupt. Den anderen Schuh kann er nicht sehen, da er hinter einer der Plastiktüten verborgen bleibt, die er um sich herum aufgetürmt hat wie eine Festung.
»Der weint nicht.« Hochhackige, mit Pailletten besetzte Stiefel halten ebenfalls an.
»Doch.« Eine helle Stimme widerspricht trotzig.
»Der kann nicht weinen.«
»Warum?«
»Weil der keine Gefühle hat.«
»Warum?«
»Weil das ein Penner ist.«
»Warum?«
»Weil der Mann nicht zur Arbeit geht.«
»Warum?«
»Weil der nicht ist wie du und ich und der Papa.«
Sein Atem beschleunigt sich. Er war auch ein Papa gewesen.

Damals. Vor dem Unglück.
Die Bärchenstiefel, die helle Stimme, die wie Musik in seinen Ohren klingt, das hartnäckige Fragen eines Kindes. Erstaunt bemerkt er, dass sich eine längst vergessene Wärme in seinem Bauchraum bildet, die dann durch seinen ganzen Körper strömt. Er spürt sein Herz kraftvoll gegen den Brustkorb klopfen. Auf einmal fühlt er sich munter, gesund und seltsam lebendig. Daher er macht etwas, dass er seit Jahren nicht mehr gewagt hatte.

Er hebt den Blick…

  1. dorokoch sagt:

    Lieber Herr Slash, hätten Sie meinen Text mit der gebührenden Aufmerksamkeit bis zum Ende gelesen, wäre Ihnen zum Einen der SocialMedia-Block zum teilen aufgefallen, zum Anderen ganz unten drei Buttons mit der Verlinkung zu FB, Twitter und RSS! :-)

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