Version 2

“Lauf Melly”

Als es klingelt, schlurft die Schlampe, die ich früher, ganz, ganz früher einmal Mama genannt hatte, durch den versifften Flur. Wie immer hängt in ihrem Mundwinkel eine qualmende Kippe. Sie bindet sich den speckigen Morgenmantel zu, streicht eine fettige Haarsträhne aus ihrem Gesicht und nimmt das Paket des Postboten in Empfang. Kaum hat sie die Tür geschlossen, reiße ich ihr das Paket aus den Händen.
„Iss meins“, zische ich sie an, wobei ich dem Kinderwagen, der meinen Weg versperrt, einen gezielten Tritt verpasse. Er prallt gegen die Wand, Verputz bröckelt auf das kaputte Verdeck. Direkt unter dem neuen Graffiti bleibt er stehen. „Fotze“ hat der Sprüher von oben mit blutroter Farbe an die Wand gesprüht.
Schon auf dem Weg durch den Flur kämpfe ich mit der Verpackung. Ich reiße, ich zerre, ich ziehe an der Pappe. Sehnsüchtig und ungeduldig hatte ich das Paket erwartet und nun ist es endlich da. Im Wohnzimmer lasse ich den leeren Karton achtlos auf den Glastisch fallen, sodass die leeren Bierflaschen umkippen und über die Brandlöcher im Teppich kullern. Eine der Flaschen wird von der Katzenkotze gestoppt.
Ich kümmere mich nicht darum, denn ich sehe nur sie. Sie sind da. Endlich. Ich halte sie in meinen Händen und drehe sie behutsam, um sie von allen Seiten zu betrachten. Schwarz, matt glänzend, nigelnagelneu sind sie. Meine ersten Springerstiefel
„Was is´n das? Wie hast du das bezahlt?“, lallt die Schlampe und baut sich mit verschränkten Armen direkt vor mir auf. Ich beachte sie nicht, stattdessen lasse ich mich schweigend in die durchgesessene Kuhle des Sofas fallen und ziehe meine neuen Stiefel an. Ich könnte ausflippen vor Freude. Die passen perfekt. Schmiegen sich an mich wie eine zweite Haut. Eine dicke, stabile, undurchdringliche Haut.
Während die Schlampe die Kippe im überfüllten Aschenbecher ausdrückt und sich gleich darauf eine neue anzündet, überschüttet sie mich wie üblich mit Vorwürfen. Ich kann es nicht mehr hören. Blablabla. Sie quengelt, dass alles allein auf ihren Schultern lastet und ich nur Ärger machen würde, anstatt ihr nur ein einziges Mal zu helfen. Wieder mal meckert sie darüber, dass ich seit Monaten die Schule schwänze. Außerdem mault sie lautstark, es sei kein Geld im Haus, seit der Alte abgehauen ist. Immer wieder dieselbe alte Leier. Blablabla.
Irgendwann schubse ich sie genervt zur Seite und stürme aus der Wohnung. Ich renne die Stufen hinunter, stoße die Hintertür auf und sause durch den rechteckigen Hof. Dort hat sich wieder einmal die halbe Türkenfamilie vom Haus gegenüber unter ihrem selbstgebauten Unterstand versammelt. Opa, Vater, Onkel, Bruder, auf schäbigen Sesseln, vereint um einen rostigen Grill, der darauf wartet befeuert zu werden. Der Obermacker des Gesindels, der mit den grauen Haaren, hebt die gläserne Teetasse und nickt mir grüßend zu. Ich verziehe angewidert meinen Mund. Der gibt wohl nie auf. Glaubt der ernsthaft, von mir bekommt der mehr als den Mittelfinger? Mit einem verächtlichen Schnauben springe ich auf den Stromkasten und ab über die Mauer.
Im Kiosk kaufe ich mir eine Flasche Bier. Die Hälfte des Gesöffs schütte ich in den Gully, einen großen Schluck nehme ich für den richtigen Atem. Ich mag das Zeug nicht besonders, doch schließlich muss das Image gepflegt werden. Perfekt ausgerüstet mache ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle, denn dort bin ich mit Robert und Kevin verabredet…

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