Bahn3

Endstation

Hier bin ich nun also gelandet. Gestrandet in meinem letzten Domizil.

Sicher, ich habe diesen Herrn in meine Wohnung gelassen. Er war aber auch wirklich sehr freundlich. Alles geschah an einem Dienstag, das weiß ich ziemlich genau. Oder war es vielleicht doch ein Freitag.
Als es klingelte und ich die Tür öffnete, stand ein junger Mann im Hauseingang.
»Guten Tag.« Interessiert schaute er auf mein Namensschild neben der Klingel.
»Frau Peschmann?«, fragte er höflich.
Da Achim mir eingeschärft hatte, dass ich keine fremden Menschen hereinlassen durfte, schloss ich die Wohnungstür bis auf einen winzigen Spalt. durch den ich neugierig lauerte. Der Fremde sah sehr gut aus. Er trug einen dunklen Anzug, eine rote Krawatte und ein weißes Hemd. Sein blondes Haar war kurz geschnitten und seine Augen funkelten abenteuerlustig.
»Frau Peschmann.« Fröhlich wiederholte der Mann meinen Namen. »Es freut mich, dass ich Sie endlich kennenlernen darf. Ich habe schon so viel von Ihnen gehört.«
»Von wem denn? Wer sind Sie?«
»Ich bin der Enkel von der Hilde Trauber.«
»Hilde?«
»Genau, meine Oma.«
»Hilde?« Ich kannte einst viele Menschen, doch die meisten Namen sind verschwunden.
Er nickte und sprach nun laut und deutlich, als wäre ich taub. »Hilde Trauber. Sie war meine liebe Oma.«
Ratlos schüttelte ich den Kopf. »Ist sie…?«
»Meine Oma ist vor zwei Monaten gestorben. Plötzlich und unerwartet.« Er seufzte traurig, sodass mir beinahe das Herz brach. »Sie hat mir sehr viel von Ihnen erzählt. Sie waren ein wichtiger Mensch für meine Oma.«
Ich hatte immer noch keine Ahnung, wer Hilde sein könnte. Manchmal vergaß ich Dinge, aber das musste der nette junge Mann ja nicht wissen. Meine Gedanken schweiften in der Vergangenheit. Ich sah sie vor mir. Viele Frauen, die die Trümmer des Krieges beseitigten. »War sie vielleicht eine der anderen Frauen?«
»Genau, sie war dabei.« Er lachte erleichtert und reichte mir höflich die Hand. Dann klopfte er mit den Fingerspitzen auf seinen schwarzen Aktenkoffer. »Ich habe Fotos mitgebracht. Meine Oma hat sich immer gewünscht, dass Sie die Aufnahmen bekommen.«
Überrascht schnellen meine Augenbrauen in die Höhe. Bilder, er hatte Bilder dabei. Woher konnte er wissen, dass ich es liebe, mir Fotos anzuschauen? Bestimmt hatte seine Oma ihm das erzählt. Scheinbar kannte die Dame mich sehr gut. Begeistert bat ich ihn herein. Im Wohnzimmer öffnete er seinen Aktenkoffer und holte vergilbte Aufnahmen heraus, die er auf dem Tisch ausbreitete. Er tippte auf eine Frau, die in den Trümmern arbeitete. Sie trug ein Kopftuch und hatte den Blick abgewandt, daher konnte ich ihr Gesicht leider nicht erkennen.
»Das war meine Oma Hilde.« Er war so stolz und schaute mich erwartungsvoll an.
Was sollte ich denn tun? Ich konnte ihn doch nicht enttäuschen. Also behauptete ich: »Natürlich, das ist die Hilde. Jetzt erinnere ich mich. Es war eine schwere Zeit damals, aber wir haben uns alle gegenseitig so gut unterstützt, wie es eben ging.«
Dann fiel mir auf, wie unhöflich ich war. Ich stützte mich auf meinen Gehstock und erhob mich: »Ich habe ihnen noch gar nichts angeboten. Möchten Sie einen Kaffee?«
Sofort sprang er auf. »Das kann ich doch machen.« Ohne meinen Protest zu beachten, verschwand er in der Küche.
Ich lehnte mich erschöpft in meinem Sessel zurück. Die Neuigkeiten, die Fotos, die Erinnerungen, das alles strengte mich sehr an. Es ist möglich, dass mir für einen kurzen Augenblick die Augen zugefallen waren, denn plötzlich hatte der Wohnzimmertisch sich in eine gedeckte Kaffeetafel verwandelt. Hildes Enkel füllte die Tassen, reichte mir den Zucker und legte sogar einen Keks auf den Unterteller. Ein wirklich höflicher junger Mann.
Ich nippte an dem heißen Getränk und riss die Augen auf. »Sie kochen einen hervorragenden Kaffee«, stellte ich anerkennend fest.
»Ich habe lange Zeit bei Oma Hilde gewohnt.« Verschwörerisch beugte er sich zu mir herüber. »Ich bin zu ihr gezogen, nachdem sie einem Betrüger auf den Leim gegangen war. Sie musste beschützt werden. Sie werden es kaum glauben, aber Oma Hilde wurde bestohlen. Stellen Sie sich vor, ihr gesamtes Erspartes war weg.«
Er schnippte mit den Fingern. »Alles weg, obwohl sie ihr Geld im Schlafzimmer unter der Matratze versteckt hatte.« Als er mir einen weiteren Kaffee einschenkte und mir einen Keks reichte, warnte er: »Vor Betrügern müssen Sie sich in Acht nehmen. Das müssen Sie mir versprechen. Meistens kommen sie mit einem Trick in die Wohnung. Oft sind sie zu zweit. Der eine lenkt das Opfer ab, während der andere die einzelnen Zimmer durchsucht.«
Ich winke grinsend ab. »Das weiß ich schon lange. Der Achim sagt immer, ich soll mein Geld zur Bank bringen, denn in der Wohnung ist es nicht sicher.«
Hildes Enkel befeuchtete seine Lippen mit der Zungenspitze. »Der Achim ist sehr klug. Ich hoffe, Sie haben seinen Rat beherzigt und ihr Erspartes zur Bank gebracht?«
Ich zögerte mit der Antwort, denn eigentlich wollte ich den netten Mann nicht beschummeln, also schüttelte ich schließlich schuldbewusst den Kopf.
Doch anstatt mich zu rügen, lachte Hildes Enkel herzlich, sprang auf, kniete sich vor den Sessel, in dem ich saß und nahm meine Hände in seine. Zu meiner Erleichterung sagte er: »Davon muss der Achim nichts erfahren. Das ist unser Geheimnis.« Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck und er riss entsetzt die Augen auf. »Sie haben ihr Erspartes hoffentlich nicht unter der Matratze im Schlafzimmer versteckt? Wissen Sie, da schauen die Betrüger als erstes nach.« 
Es war rührend. Er war nervös, aufgeregt und sehr besorgt um meine Sicherheit und um mein Geld. Kein Wunder, da er doch erleben musste, dass seine Oma bestohlen worden war. Aber zum Glück gelang es mir, ihn zu beruhigen, als ich ihm zeigte, dass mein Geld sicher in der Schrankschublade unter dem Fernseher lag…

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