Eimer2

Das letzte Geschenk von Tim

Gnervt schiebt Lena das Paket mit dem Fuß ins Haus. Täglich werden ihr Dinge zugestellt, die sie nicht bestellt hat, und immer handelt es sich um ausrangierte, alte Sachen, die kein Mensch mehr brauchen kann. Ein kaputter Rasenmäher, eine abgebrochene Heckenschere, leere Schachteln mit Unkrautvernichtungsmittel, ein defekter Staubsauger. Die Liste ließe sich unendlich lang fortsetzen. Zusätzlich erreichen sie diverse Pizzalieferungen, außerdem Anrufe zu den unmöglichsten Zeiten und haufenweise Emails, die sie jeden Abend am PC ungelesen in den Papierkorb befördert. Obwohl er sich niemals namentlich zu erkennen gibt, weiß Lena trotzdem sehr genau, wer sie tyrannisiert.
Eine Zeitlang hatte sie die angeblichen Bestellungen einfach angenommen und gehofft, dass die Flut der Pakete irgendwann von allein verebbt. Sie hatte die Sendungen im Esszimmer gestapelt, bis einmal ein Paket so fürchterlich stank, dass sie es öffnen musste. Noch heute verspürt sie den Würgereiz, wenn sie sich an den vergammelten Fisch in dem Karton erinnert. Seitdem wirft sie zumindest einen kurzen Blick auf den Inhalt der gelieferten Sendungen.
Daher reißt sie nun mit angehaltenem Atem das Paket auf und schaut ratlos auf einen verbeulten Emailleeimer, dessen helle Beschichtung an mehreren Stellen abgesprungen ist. Auf dem Boden des Putzeimers entdeckt sie einen Briefumschlag, den sie mit einem mulmigen Gefühl öffnet.
»Mein letztes Geschenk«, steht dicken, roten Druckbuchstaben auf einem weißen Blatt Papier geschrieben. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie auf die Worte. Ein eiskalter Schauer jagt über ihren Körper. Mühsam schnappt sie nach Luft. Sie versteht die Bedeutung der Worte sehr genau. Sie weiß, dass es sich um eine Drohung handelt. Verzweifelt vergräbt sie das Gesicht in den Händen. Sie hat keine Ahnung, was sie noch ausprobieren könnte, um diesen Terror zu stoppen.
Mehrmals hatte sie versucht, mit ihm zu reden. Aber er war zu keinem Gespräch bereit. Er hatte sie mit hasserfülltem Blick angesehen und gezischt, irgendwann bekäme sie ihr letztes Geschenk von ihm, und dann könne sie die Minuten bis zu ihrem Lebensende zählen.

Sie atmet schwer, als sie die alten Holzstufen hinauf in den zweiten Stock steigt, um versteckt hinter der Gardine das angrenzende Grundstück zu beobachten. Der gepflegte Garten des Nachbarn versinkt bereits im abendlichen Grau. Das satte Grün des Rasens verblasst zusehends, ebenso verschwimmen die Konturen der Fichten, die sich um die Holzlaube reihen. Das angrenzende Grundstück wirkt friedlich, bis auf einmal das Licht der Außenlampe aufleuchtet und Tim auf der Terrasse erscheint. Entspannt betrachtet er die Dämmerung und führt eine Flasche Bier an den Mund. Dann zündet er sich genüsslich eine Zigarette an, setzt sich auf den Gartenstuhl und legt seine in Schlappen steckenden Füße auf den Tisch. Scharf zieht Lena die Luft ein. In ihrem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Die Umgebung verzerrt sich vor ihren Augen. Sie blinzelt mehrmals und hält sich mit beiden Händen am Fensterbrett fest. Sie ist nicht in der Lage, ihren Blick vom Nachbargrundstück abzuwenden. Denn sie weiß, dass Tim sich nur dann eine Zigarette anzündet, wenn seine Frau Betty für einige Tage unterwegs ist.
Sie denkt an den roten USB Stick, den der Nachbar ihr kurz nach Bettys letzter Dienstreise geschickt hatte. Darauf war ein kurzes Video, in dem sie die Hauptrolle besetzte. Seelenruhig schläft sie in ihrem Bett ohne zu bemerken, dass sie von dem Eindringling gefilmt wird.
»Betty ist weg«, kreischt eine hysterische Stimme in ihrem Kopf. »Und wenn Betty nicht da ist, kommt Tim in mein Haus.«
Plötzlich schaut Tim direkt zu ihr herüber. Er lächelt böse. Er sieht nach rechts, er sieht nach links und als er sich vergewissert hat, dass kein anderer Nachbar in Sicht ist, legt er beide Hände um seinen Hals und imitiert ein Würgen. Er streckt die Zunge lang heraus, rollt mit den Augen und kippt schließlich vom Stuhl. Zitternd betrachtet Lena das für sie inszenierte Schauspiel. Kurz darauf springt Tim auf. Ausgelassen klopft er sich auf die Schenkel. Dann zeigt er ihr den Stinkefinger und verschwindet im Wohnzimmer.
Tränen laufen ihre Wangen hinab, als sie an die Zeit vor einem Jahr zurück denkt. Damals wollte Tim die renovierungsbedürftige Villa kaufen. Er hatte den Plan, ein Luxusdomizil für ältere, rüstige Herrschaften zu bauen. Dann tauchten sie und Chris auf. Der Eigentümer war begeistert von ihrer Idee, eine Pension für einkommensschwache Bürger zu errichten, und sie bekamen den Zuschlag. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten freundeten sich Chris und sie mit den Nachbarn an. Sie verbrachte viel Zeit mit Betty in Baumärkten und Möbelhäusern, während Tim ihren Mann tatkräftig bei den Renovierungsarbeiten unterstützte. Und dann hatte sich alles verändert. Von der einen Sekunde zur anderen hatte Chris sie verlassen. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Ohne dass sie die Möglichkeit gehabt hatte, sich auf die Veränderungen vorzubereiten.
Seitdem will Tim die Chance zur Verwirklichung seiner eigenen Pläne ergreifen. Zuerst versuchte er, Lena zum Verkauf der Villa zu bewegen. Als sie empört ablehnte, begann er systematisch damit, sie zu terrorisieren, und trotz ihrer Bemühungen um ein friedliches Miteinander hört er nicht mit seinem böswilligen Verhalten auf. Täglich verbreitet er im Dorf Gerüchte über sie. Er erzählt den Handwerkern, sie wäre insolvent. Er vereinbart Termine bei Ärzten, Immobilienmaklern und Bankberatern. Er vermittelt den Menschen in ihrem Umfeld, sie wäre sonderbar und niemals in der Lage, das geplante Projekt alleine durchzuziehen.
Plötzlich wird das Schlafzimmerfenster gegenüber geöffnet. »Ich mach dich alle, du Schlampe«, brüllt Tim mit wutverzerrtem Gesicht, bevor er das Fenster zuknallt, sodass die Scheiben scheppern.
»Es geht wieder los«, hämmert es in ihrem Kopf. Er wird kommen, und diesmal wird er es nicht bei einer Warnung oder Schikane belassen. Diesmal wird er kommen, um sie zu töten, denn sein letztes Geschenk hat sie bereits erhalten.

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